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Wiederherstellung der Orgel in der Kulturkirche St. Jakobi in Stralsund

In Stralsund hat die Wiederherstellung der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ausgeplünderten und seitdem unspielbaren Orgel der seit vielen Jahren als Kulturkirche genutzten gotischen Jakobikirche begonnen.

Im historischen barocken Gehäuse von 1741 und 1783 (seine Restaurierung ist bereits im Gange) entsteht ein diesem Gehäuse stilistisch entsprechendes neues Orgelwerk im brandenburgisch-preußischen Barockstil. Das Instrument, welches auf drei Manualen und Pedal etwa 3500 Pfeifen, verteilt auf 51 klingende Register, umfassen soll, wird in traditioneller handwerklicher Weise des 18. Jahrhunderts neu gefertigt. Integriert werden einige erhaltene Teile der Vorgängerorgeln: Die Pedalwindladen mit Teilen zugehöriger Mechanik von Richter (1741) sowie u.a. etwa 50 Holzpfeifen zweier Pedalregister mit zugehörigen Einzelwindladen von Mehmel (1877).

Der Orgelprospekt wird im Zustand von 1741 mit den Veränderungen und Ergänzungen, die 1783 vorgenommen wurden, wiederhergestellt. Die sichtbaren Frontpfeifen werden in der Bauweise des Orgelbauers Ernst Marx, der diese Pfeifen 1783 erneuert hatte, neu angefertigt und bilden wieder, wie schon 1741 und 1783, in vier klingenden Registern des Principalchores das klangliche „Rückgrat“ der Orgel.

Die stilistische Ausrichtung der neuen Orgel garantiert ihr in der Zukunft eine vielseitige konzertante Nutzung, auch in Zusammenwirken mit Solisten, Chören und Orchestern, sowie ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der reichen Orgellandschaft Mecklenburg-Vorpommerns, wo aus dem 18. Jahrhundert kein großes Orgelwerk erhalten ist.

Innerhalb der Weltkulturerbestadt Stralsund ergänzt die Orgel die beiden restaurierten historischen Instrumente in St. Marien (1659, Stellwagen, aus der Epoche des Frühbarock) und St. Nikolai (1841 Buchholz, aus der Epoche der Romantik) in glücklicher Weise um ein neues Werk, das stilistisch genau zwischen beiden anderen Stadtkirchenorgeln anzusiedeln ist und somit die Epoche Johann Sebastian Bachs bzw. des Hoch- und Spätbarock vertritt, das sich dabei aber dem späterem Repertoire bis hin zur Gegenwart nicht verweigert.

Derzeit (Mai 2017) läuft die Phase der Ausschreibung für den Bau des neuen Orgelwerkes. Die Arbeiten am Instrument sollen im Sommer 2017 beginnen und im Sommer 2020 abgeschlossen sein.

Der erhaltene, nicht verwendete Restbestand des 1945 ausgeplünderten Instrumentes von Mehmel (1877) wird konserviert und zu Dokumentationszwecken eingelagert.

Geschichte der Orgel in St. Jakobi

1740–1741

Orgelneubau durch Christian Gottlieb Richter, Alten Stettin; Schnitzwerk des repräsentativen, gleichzeitig neu gefertigten Barockgehäuses vom Stralsunder Bildhauer Michael Müller

42 Register, 3 Manuale und Pedal – mechanische Schleifladen – Keilbälge

(Christian Gottlieb Richter – Lebensdaten unbekannt – Orgelbaumeister in Alten Stettin, Tätigkeit nachweisbar in der Mark Brandenburg, in Friedland, Demmin, Greifswald und Stralsund)

1779–1783

Orgelneubau durch Ernst Marx, Berlin; von Richters Orgel (1741) werden einige Teile im Innern, u.a. die Pedalwindladen, sowie das Gehäuse beibehalten, das Gehäuse wird durch Einfügung von 6 Pfeifenfeldern und zusätzlichen Schnitzereien verändert.

45 oder 46 Register, 3 Manuale und Pedal – mechanische Schleifladen – Keilbälge

(Ernst Marx – 1728 Ballenstedt-1799 Berlin – Schüler und Nachfolger der Berliner Orgelbauer Joachim Wagner und Johann Peter Migendt, umfangreiche Tätigkeit in den Residenzstädten Potsdam und Berlin, in Mecklenburg, Vor- und Hinterpommern sowie in der Mark Brandenburg)

1870–1877

Orgelneubau durch Friedrich Albert Mehmel, Stralsund; von Richters Orgel (1741) werden die Pedalwindladen weiterverwendet, die Prospektansicht (1741, 1783 verändert) bleibt bestehen, die Prospektpfeifen von Marx (1783) werden als größtenteils stumme Fassade beibehalten. Um das viel größere Instrument in dem barocken Gehäuse unterzubringen, werden dessen Rückwand und viele konstruktive Elemente entfernt.

68 Register, 4 Manuale und Pedal – mechanische Schleifladen, Barkerhebel – Art der Bälge unbekannt.

(Friedrich Albert Mehmel – 1827 Allstedt-1888 Stralsund – Schüler von Johann Friedrich Schulze und Friedrich Ladegast, 1858 Werkstattgründung in Stralsund, 1874 Eröffnung der Filiale in Wismar, Tätigkeit in Mecklenburg und Vorpommern).

1945 und Folgezeit

Beschädigung der Jakobikirche durch Bombentreffer, die Orgel wird weitgehend ausgeplündert. In den Folgejahren fallen die komplette Balganlage Mehmels sowie der untere Teil seiner neu gebauten Orgelrückwand dem Einbau des Gustav-Adolf-Saales zum Opfer. Die ungesicherte Orgel wird weiter mutwillig zerstört und ausgeraubt, weitere Schäden bis in jüngste Vergangenheit entstehen durch Anobienbefall des Holzes, Feuchtigkeit und Schmutz. Weitgehend erhalten bleiben die seit 1943 durch die Baugruppe Keibel ausgelagerten Gehäuseschnitzereien von 1741 und 1783.

1999

Bestandsaufnahme der erhaltenen Restbestände des Orgelwerkes durch die Orgelbauwerkstatt Hermann Eule, Bautzen, Einlagerung loser Teile, konservierende Maßnahmen (Holzschutz).

Fazit 2016:

Die technische Anlage der Mehmel-Orgel ist als Torso im Grad stärkster Zerstörung erhalten. Wichtigster Teil des Bestandes sind die Windladen, auch diese aber befinden sich in sehr schlechtem Zustand. Die Balganlage fehlt vollständig, ihre ursprüngliche Bauweise ist unbekannt. Klanglich ist das Instrument verloren, fast sämtliche Metall- und Zungenpfeifen fehlen. Erhalten ist ein Restbestand von großen Holzpfeifen, die stark von Anobien befallen sind. Die Gehäusekonstruktion von 1741 ist durch Mehmels Veränderungen und das von ihm eingefügte, viel zu große und zu schwere Orgelwerk in statisch bedenklicher Weise geschwächt und damit gefährdet.

Das Fehlen von Vorbildern für den größten Teil der abhanden gekommenen Teile, der oftmals irreparable Zerstörungsgrad des Vorhandenen, die statischen Probleme des Gehäuses sowie die nach 1945 erfolgten baulichen Veränderungen bei Anlage des Gustav-Adolf-Saales machen eine Rekonstruktion der Mehmel-Orgel von 1877 unmöglich.

2017

Beginn der Wiederherstellung der Orgel, Fertigstellung für 2020 geplant

51 Register, 3 Manuale und Pedal – mechanische Schleifladen – 6 Keilbälge

Konzeption

Die 1877 durch den Einbau der Mehmel-Orgel stark veränderte und statisch geschwächte Konstruktion des barocken Orgelgehäuses von 1741 wird komplett wiederhergestellt. Das Gehäuse erhält die originalen Dimensionen zurück, die Rückwand von 1741 wird rekonstruiert.

Im Gehäuse entsteht ein in historisch informierter Handwerkstechnik neu gefertigtes Instrument im Stil des 18. Jahrhunderts, das sich in Größenordnung, technischem Aufbau und Klanggestalt auf die Instrumente Richters (1741) und Marx' (1783) bezieht und mit dem restaurierten barocken Gehäuse eine handwerkliche und künstlerische Einheit bildet. In das neue Orgelwerk werden Richters Pedalwindladen von 1741 und etwa 50 restaurierte, große Holzpfeifen Mehmels von 1877 integriert.

Auf diese Weise nimmt das neue Orgelwerk Bezug auf eine bewegte, spannende Geschichte von mehr als 250 Jahren, in deren Verlauf das Gehäuse von 1741 nun bereits sein viertes Instrument beherbergen wird.

Die Orgelkommission

29.04.2017

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