Start : Orgel

Die Mehmel-Orgel in St. Jakobi zu Stralsund

Die 1877 von dem Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel vollendete Orgel der Jakobikirche war zur Zeit ihrer Fertigstellung nicht nur eine der größten und modernsten, sondern auch eine der künstlerisch gelungensten neuen Orgeln in ganz Deutschland. Mehmel hatte bei so bedeutenden Meistern wie Johann Friedrich Schulze in Paulinzella und Friedrich Ladegast in Weißenfels das Orgelbauhandwerk erlernt und 1859 seine Werkstatt in Stralsund eröffnet. Der Auftrag für das gewaltige Orgelwerk in der Jakobikirche - 1870 erfolgte darüber der Vertragsabschluss - war für den ambitionierten, künstlerisch hochbegabten Orgelbauer ohne Zweifel eine besondere Herausforderung. »Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, meiner Heimatstadt ein Orgelwerk zu liefern, welches den Orgelwerken größerer Städte ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann«, schreibt er selbst (Stadtarchiv Stralsund, KiH II a 23).

So wurde die Jakobiorgel gewissermaßen die Krönung des Mehmelschen Lebenswerkes. Unter Verwendung des großartigen Barockgehäuses der Vorgängerorgel von 1740 mit dem virtuosen Bildhauerschmuck Michael Müllers, zweier Pedalwindladen, Teilen der zugehörigen Registertraktur und der Prospektpfeifen entstand ein ansonsten völlig neu konzipiertes und angefertigtes viermanualiges Instrument mit 68 klingenden Registern nach der folgenden Disposition:

Hauptwerk (II)
19 Register:

I. Abteilung
Principal 16'
Principal 8'
Octave 4'
Quinte 2'
Octave 2'
Cornett 4fach
Mixtur 4-5fach
Cymbel 3fach
Trompete 8'

II. Abteilung
Bordun 32'
Bordun 16'
Gemshorn 8'
Viola di Gamba 8'
Hohlflöte 8'
Gedackt 8'
Quinte 5'
Gemshorn 4'
Hohlflöte 4'
Fagott 16'

Unterwerk (I)
15 Register:

I. Abteilung
Principal 16'
Quintatön 16'
Principal 8'
Salicional 8'
Dolce 8'
Portunal 8'
Rohrflöte 8'
Rohrflöte 4'
Fugara 4'
Clarinetto 8'

II. Abteilung
Octave 4'
Quinte 2'
Octave 2'
Cornett 3-4fach
Mixtur 4fach

Oberwerk (III)
12 Register:

Gedackt 16'
Geigenprincipal 8'
Terpodeon 8'
Vox celeste 8'
Flauto traverso 8'
Gedackt 8'
Principal 4'
Flauto traverso 4'
Flautino 2'
Quintflöte 2'
Progressiv-
   Harmonica
   2-5fach
Hautbois 8'

Fernwerk (IV)
7 Register:

Lieblich Gedackt 16'
Viol d'amour 8'
Harmonika 8'
Lieblich Gedackt 8'
Viol d'amour 4'
Harmonica
   aetheria
   1-3fach
Aeoline 16'

Pedal
16 Register:

I. Abteilung
Principal 32'
Posaune 32'
Principal 16'
Posaune 16'

II. Abteilung
Violon 16'
Subbaß 16'
Octavenbaß 8'
Violoncello 8'
Flötenbaß 8'
Octave 4'
Dulcian 16'

III. Abteilung
Quintenbaß 10'
Quintflöte 5'
Waldflöte 2'
Trompete 8'
Clairon 4'

Nebenzüge: Koppeln, Sperrventile, Schweller IV

Im Klangkonzept Mehmels beobachten wir auffallende Parallelen zu der 1871 von Friedrich Ladegast fertiggestellten Orgel des Schweriner Domes mit 85 klingenden Registern, verteilt auf vier Manuale und Pedal. Auch die technische Anlage - Schleifladen mit einer Barkermaschine für das Hauptwerk, Sperrventile für die einzelnen Abteilungen als Registrierhilfen - gleicht dem Schweriner Instrument, wobei Mehmel es ungleich schwerer hatte, ein so aufwändiges Orgelwerk in ein recht knapp bemessenes altes Gehäuse einzubauen, eine Aufgabe, die er hervorragend löste.

Dass die Schweriner Domorgel, damals das herausragende Orgelwerk Deutschlands, Mehmel als Vorbild diente, und Mehmel seinen großen Lehrmeister mindestens erreichen, wenn nicht gar übertreffen wollte, zeigen folgende Worte: »Ich muß es im vollen Bewußtsein meiner Arbeit aussprechen, daß die Orgel für St.Jacobi sich neben die ersten in Deutschland stellen darf und fürchte ich mich nicht, daß sie in dieser Hinsicht in keinem Punkte zurückstehen und der strengsten Beurtheilung die Spitze bieten werde« (Stadtarchiv Stralsund, KiH II a 23).

Die strengste Beurteilung wurde dem fertiggestellten Werk tatsächlich zuteil: Mehrere Tage dauerte die Abnahme, die seinerzeit bekannte Musikwissenschaftler und Komponist Otto Wangemann durchführte. Wangemann kommt zu dem Schluss, dass die Intonation vorzüglich, die Klangfarben wohlgelungen waren, und »kein Orgelwerk bessere Schönheiten aufzuweisen hat (...). Es gereicht mir demnach zur aufrichtigsten Freude, bezeugen zu können, daß obige Orgel zu den schönsten Kunstwerken Deutschlands zählt«, schreibt er abschließend in seinem Gutachten.

Unverändert blieb Mehmels Werk nun erhalten, bis zum Zweiten Weltkrieg. Im Jahre 1943 beschloss man, das Schnitzwerk der Orgel abzunehmen und einzulagern, um es vor eventuellen Kriegszerstörungen zu schützen. Diese Arbeiten, geleitet von der Baugruppe Keibel vom Preußischen Finanzministerium Berlin, waren verbunden mit einer detaillierten Maßaufnahme sowie der zeichnerischen und fotografischen Dokumentation des Gehäuses und der Mensuraufnahme der barocken Prospektpfeifen. Das Orgelwerk selbst wurde weder dokumentiert noch ausgebaut, denn lediglich den barocken Teilen wurde in jener Zeit bereits Denkmalswert zugesprochen. Am Kriegsende 1945 und in den folgenden Jahren ist die Orgel der Jakobikirche nach und nach ausgeplündert und mutwillig zerstört worden. Besonders interessant war der Diebstahl der Metallpfeifen, die sich bei den Altmetall-Sammelstellen gut in bares Geld umsetzen ließen. Noch in den 1980er Jahren ist von Jugendlichen, die ungehindert auf die Orgelempore gelangen konnten, auch der bis dahin noch intakt gebliebene viermanualige Spielschrank völlig demoliert worden. Wiederholte, mit Nachdruck vorgetragene Hinweise des damaligen Orgelsachverständigen, KMD Dr. Dietrich W. Prost an die zuständigen kirchlichen Dienststellen, der vom Orgelwerk das nach 1945 Verbliebene wenigstens sichern wollte, blieben ungehört. So geschah es, dass Stralsunder Bürger das größte jemals von einem Stralsunder geschaffene Orgelwerk, ein einzigartiges Kunstwerk, respektlos zerstörten und die Mehmel-Orgel fast ganz aus dem Bewusstsein verschwand.

1999 endlich gelang es, eine umfangreiche Bestandsaufnahme und Dokumentation der verbliebenen Bestandteile der Jakobiorgel durchzuführen. Die seit vielen Jahren mit der Restaurierung und Konservierung historischer Orgeln bestens vertraute Orgelbaufirma Hermann Eule in Bautzen hat diese Arbeiten, die kürzlich durch eine Holzschutzbehandlung und Einlagerung aller losen Orgelteile auf einem neuen Zwischengeschoss über dem Gustav-Adolf-Saal ergänzt werden konnten, durchgeführt. Im Ergebnis der Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass die technische Anlage der Orgel trotz zum Teil starker Beschädigungen im Wesentlichen geschlossen erhalten geblieben ist. »In der Gesamtheit und in allen Einzelheiten zeugen die vorhandenen Teile der Spielanlage von einer meisterhaften, erstklassigen Qualität in der Auswahl der Materialien und Verarbeitung, in Konstruktion und Erfindungsreichtum und Qualitätsstrenge des Erbauers. Die Anlage stellt ein bedeutendes Zeugnis romantischer Orgelbaukunst dar.« (Gutachten Firma H.Eule, 1999). Vom klingenden Teil der Orgel, den ursprünglich etwa 3500 Pfeifen, sind nur wenige hundert Pfeifen erhalten geblieben, überwiegend Holzpfeifen und Pfeifen der Zungenregister. Insgesamt ist jedoch der Bestand es Orgelwerkes noch so vielfältig und umfangreich und vor allem von solch außergewöhnlicher Qualität, daß eine vollständige Wiederherstellung von Mehmels Meisterinstrument ohne größere Probleme möglich und auch wünschenswert ist. Fehlendes kann nach Vorbildern in anderen Orgeln des Meisters - hier ist vor allem das dreimanualige Werk in St.Marien zu Greifswald zu nennen - oder aber in den großen Instrumenten Friedrich Ladegasts rekonstruiert werden.

Innerhalb der Arbeit des Baltischen Orgel Centrums (BOC), eines im Jahr 2003 gegründeten Vereins mit Sitz in Stralsund, wird die Jakobiorgel, größte der drei historischen Orgeln im Stadtzentrum Stralsunds, eine wichtige Rolle spielen. Die große »Virtuosenliteratur« des 19.Jahrhunderts - also die Musik von Franz Liszt, Julius Reubke, Joseph Rheinberger oder Max Reger - wird an diesem außergewöhnlichen Instrument ihren natürlichen Platz finden. Nicht nur die Stralsunder, sondern viele Gäste aus aller Welt werden sich dann wie Otto Wangemann 1877 am Wohllaut und an der Klangfülle dieser Orgel erfreuen.

Martin Rost

Literatur:
Prost, D.W.: Stralsunds Orgeln (Rensch-Orgelbaufachverlag, Lauffen 1996)
Eule, H. : Bestandsaufnahme und Konzeption zur Wiederherstellung der Orgel (Manuskript, 1999) ferner Unterlagen und Schriftwechsel im Archiv der landeskirchlichen Orgelfachberatung der Pommerschen Evangelischen Kirche

Visuelle Eindrücke: Galerie »

Startseite  ·   Impressum  ·