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Lucht-Kanzel

Seit einigen Jahren wird die im II. Weltkrieg ausgelagerte und seither in Kisten, zum Teil auch ungeschützt lagernde Kanzel in der Kulturkirche St. Jakobi wieder aufgebaut. Vom hölzernen Schalldeckel hängen die noch unrestaurierten Reste bereits wieder im Kirchenraum. Der Kanzelfuß wurde restauriert und wieder aufgestellt, die verlorenen Tragplatten aus Marmor wurden neu hergestellt und mit dem Sockel des Kanzelkorbes ebenfalls wieder aufgestellt. Nach einigen Jahren der Ruhe wegen fehlender Finanzmittel wird im Jahr 2008 der Kanzelkorb selbst in der Kulturkirche wieder zusammengesetzt und die Treppe in der Werkstatt restauriert werden. Dies wird vom Stralsunder Bürgerkomitee Rettet die Altstadt Stralsund e.V. und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert, beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege wurde ein Antrag gestellt. Die Stiftung Kulturkirche sammelt weiterhin Spenden, um das Vorhaben in den nächsten Jahren fortsetzen zu können.

WIR BITTEN UM SPENDEN auf das Konto der Stiftung Kulturkirche St. Jakobi Stralsund bei der Sparkasse Vorpommern
BIC: NOLADE21GRW
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unter dem Stichwort »Lucht-Kanzel«.
Spendenbescheinigungen werden auf Anforderung gerne versandt.

Im folgenden eine ausführliche historische Beschreibung der Kanzel aus dem Stralsunder Tageblatt vom 10. September 1931:

Die schönste Kanzel Pommerns

Ein Werk Hans Luchts in der Stralsunder Jakobikirche.

In der Stralsunder Jakobikirche hat der bekannte Kirchenmaler Hoffmann (Finkenwalde) die 300 Jahre alte Kanzel, die im Laufe der Zeit durch Überschwemmungen und »Ausbesserungen« stark gelitten hatte, im alten Stil wieder völlig hergestellt. Die Kanzel ist eine sehr wertvolle Arbeit des berühmten Bildhauers Hans Lucht. Sie weist ein reiches Schnitzwerk in Holz, Alabaster und Marmor auf. Die Kanzel gilt als die schönste Pommerns.

Im Jahre 1623 feierte man die hundertjährige Wiedereinführung der Reformation in Stralsund. Dabei wurde beschlossen, in der Jakobikirche eine neue Kanzel zu bauen. Am 24. April 1625 erhielt und übernahm diesen Auftrag ?der kunstreiche Meister Hans Lucht, einen Nien predichstohl von Albaster und andern dienlichen Steinen künstlich zu verfertigen und zu stefiren üm 700 Gulden: würde er aber mit dem predichstohl also verfahren, dass er zur Kirchen ziradt würde gereichen, wollten sie ohne das Vorige 100 Gulden nicht ansehen?. Und dann hat Hans Lucht in den nachfolgenden Jahren eine Kanzel gebaut, die das Entzücken aller Kunstfreunde ist und seinen Namen unvergeßlich machte; hat man doch vor Jahren nach ihm eine Straße benannt.

Der eigentliche Körper der Kanzel ist fast ganz aus Marmor, Alabaster und Sandstein, nur die Schalldecke ist aus Holz gefertigt. Im Lauf der Jahrhunderte hatte sie gelitten durch die Beschießungen der Stadt. Staub und Schmutz hatten sich darauf gelegt; ferner waren die Alabaster Reliefs mit Firnis überzogen. Nun hat auf Anregung und unter finanzieller Mithilfe des Provinzialkonservators der Kirchenmaler Hoffmann im letzten Monat die Kanzel in ihrer alten Schönheit wieder erstehen lassen. Je genauer man sie nun betrachtet, um so mehr bewundert man das Werk Hans Luchts. Zweifellos ist sie eins der schönsten Kunstwerke, die Stralsund aufzuweisen hat. Die Engelsköpfe und die Krönung der Säulen sind unübertrefflich. Die Treppe hinauf sieht man die vier großen Propheten: Jesajas, dessen Lippen ein Engel mit glühender Kohle heiligt (Kapitel 6, 6); Jeremias, ein Joch um den Hals, als er 594 n. Chr. den zum Abfall von Nebuladnezar entschlossenen Fürsten ihre Gefangenschaft auch durch dieses äußere Zeichen ankündigte (Kapitel 27); Ezechiel, der bei seiner Berufung Gott von Feuer umgeben schaute (Kapitel 1, 26 ff.), und Daniel als Fürsten, wohlbehütet neben einem Löwen (Kapitel 6). Daran schließen sich um die Kanzel herum, ebenfalls aus Alabaster aufs kunstvollste ausgeführt, Jesu Verkündung, Geburt, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt und die Pfingstgeschichte. Auf dem untersten Stockwerk des Schalldeckels unter zierlichen Bogen befinden sich die Evangelisten: Matthäus mit dem Engel, Markus mit dem Löwen, Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler. Auch hier fällt die Feinheit auf, mit der die Gesichter durchgeführt sind. Vorn in der Mitte ist Christus mit der Weltkugel in der Hand. Zwischen den Evangelisten stehen die Darstellungen der christlichen Tugenden: eine Frau mit zwei Kindern auf den Armen als Barmherzigkeit; die Gerechtigkeit mit Schwert und Waage; die Frau mit einer Schlange um den Arm ist die Klugheit; die nächste mit der Säule im Arm ist die Tapferkeit; daran schließt sich die Mäßigkeit mit Milchkrug und Schale, und die letzte mit dem Schaf zu ihren Füßen ist die Geduld. Turmartig verjüngt sich der Aufbau des Schalldeckels zu einem Tempelchen, das von entzückenden Engelsgestalten getragen wird. Gekrönt wird das ganze von dem Auferstandenen mit der Siegesfahne in der Hand. Die Tür zur Kanzel ist feine, eingelegte Arbeit mit einer Darstellung des Jakobstraums. Ueber dem Portal sehen wir unter einem großen Baum auf der einen Seite Moses mit den Gesetzestafeln, im Hintergrund Adam und Eva und den Teufel, der seine Opfer einem Ungeheuer in den Rachen stößt, vorn einen Totenkopf; auf der andern Hälfte Johannes, auf ein Lamm weisend, im Hintergrund den Gekreuzigten und Michael, den Drachen tötend. Die eine Hälfte des Baumes ist kahl und tot, die andere voll des Lebens.

Der Schöpfer dieser Kanzel, Hans Lucht, ist in der Jakobikirche beerdigt. Seine Frau setzte ihm das an dem Orgelpfeiler nach der Papenstraße hängende Grabmal mit seinem in Oel gemalten Bild.

Pastor Deißner.

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