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Gespräch mit Gerd Meyerhoff

Entwicklung zur Kulturkirche / Förderverein und Stiftung

Hätte die Jakobikirche nach dem Krieg ohne Weiteres wieder als Gemeindekirche genutzt werden können, oder war man auf staatliche Unterstützung angewiesen für den Erhalt?

Das ist schwer zu sagen. Es ist sicher richtig, dass die Jakobikirche am schwersten getroffen war von den drei großen Stralsunder Pfarrkirchen. Sie hatte am südlichen Seitenschiff große Schäden an Dach, Mauerwerk und Fenstern, dort sind auch einige Gewölbe eingestürzt. Nach dem Krieg ist großer Schaden am Inventar angerichtet worden. Das Gestühl wurde verbrannt, die zu Kriegsende noch intakte Orgel (das Schnitzwerk wurde 1943 abgebaut und eingelagert) wurde erst nach 1945 beraubt, insbesondere wurden die Metallpfeifen gestohlen. Die Seitenaltäre und andere Ausstattungsteile waren abgebaut und unsachgemäß eingelagert (es gab große Haufen mit Kunstgut im Kirchenraum) und es gibt abenteuerliche Berichte, dass in der Kirche mit Schädeln Fußball gespielt wurde. Aber bis 1953 wurden die Bauschäden beseitigt, das Dach repariert, das Mauerwerk ergänzt und instandgesetzt, die zerstörten Gewölbe wurden wieder eingezogen, und schließlich hat man in den Turm den Gustav-Adolf-Saal (GAS) eingebaut.

Man muss wissen, dass Jakobi vor dem II. Weltkrieg, ähnlich wie die beiden anderen Kirchen, eine große Turmhalle besaß, die die gleiche Raumhöhe wie das Mittelschiff hatte. Im Turmbereich von St. Jakobi stecken eigentlich zwei mittelalterliche Türme, und zwar der heutige Westturm und der frühere, der etwa acht Meter östlich des heutigen westlichen Abschlusses liegt. Seine vier ursprünglichen Turmpfeiler stecken heute noch im Bauwerk. Man hat dann die beiden westlichen Turmpfeiler des alten Turms zu den Ostpfeilern des neuen Turms gemacht und westlich davon zwei neue errichtet. Der heutige Turm ruht also zur Hälfte auf den alten Turmpfeilern. Was vom ursprünglichen Westturm noch übrig war, ist oberhalb des Langhausdaches abgetragen worden. St. Jakobi enthält daher sehr große Bereiche, die nicht zum eigentlichen Kirchraum gehören. Sie wurden genutzt, als man in den Turmbereich mit den Turmhallen die großartige Treppenanlage eingebaut hat: Diese ist, obwohl sie biedermeierlich wirkt, tatsächlich erst nach dem Krieg eingebaut worden, zusammen mit zwei Gewölbeebenen. Zwischen diesen Gewölbeebenen entstand der Gustav-Adolf-Saal als Kirchraum im ersten Obergeschoss.

Seit wann ist die kulturelle Nutzung der Kirche möglich?

Ich denke, etwa seit Mitte der 1990-er Jahre.

Gab es damals ein Konzept dazu, was genau stattfinden darf, was muss oder sollte?

Dies ist relativ offen gehandhabt worden. Im Langhaus der Kirche haben Konzerte, Diskotheken, Weihnachtsmarkt, Handwerkermarkt und Theater stattgefunden, auch mit dem GeistigBehinderten-Theater »Die Eckigen«. Dr. Triebenecker ist als Kulturmanager zum Teil vom Förderverein St. Jakobi mitfinanziert worden.

Das Gebäude ist also nicht entwidmet, gehört aber auch nicht mehr der Kirchengemeinde?

Ja. Es ist so, dass die Ev. Kirchengemeinde St. Jakobi-Heilgeist und die Hansestadt Stralsund die beiden Stifter der Stiftung Kulturkirche St. Jakobi Stralsund sind, wobei die Kirchengemeinde das Kirchengebäude, das Grundstück und das Kunstgut in diese Stiftung einbringt und die Stadt etwas über eine halbe Million Euro als Stiftungsgrundkapital. Damit haben wir schon drei der Beteiligten.

Dann gibt es die Treuhandstiftung Kulturkirche St. Jakobi Stralsund. Diese zweite Stiftung ist als Erhaltungsstiftung eine nicht selbstständige Stiftung, während unsere Stiftung eine selbstständige Stiftung bürgerlichen Rechts ist. Die beiden Stiftungen unterscheiden sich auch im Stiftungszweck. Zweck der Stiftung Kulturkirche ist die »Förderung von Kunst und Kultur durch Erhaltung der St. Jakobikirche in Stralsund als Kulturkirche für die Öffentlichkeit«. Stiftungszweck der Treuhandstiftung ist »die Förderung der Denkmalpflege (...) durch die Sanierung, Restaurierung, Erhaltung und Pflege des (...) anerkannten Kulturdenkmals St. Jakobikirche zu Stralsund und der zugehörigen Anlagen« (siehe Satzungen). Die Treuhandstiftung wird von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz verwaltet und hat ebenfalls ein Grundkapital, das nicht angetastet wird und durch Zustiftungen vermehrt werden soll. Die Erträge dieses Kapitals dienen dazu, satzungsgemäße Leistunge zu finanzieren. Bereits seit etwa 1995 gibt es den Förderverein St. Jakobi Stralsund e.V.; er hat sich auch die Erhaltung des Bauwerks auf die Fahnen geschrieben.

Dann haben Förderverein und Treuhandstiftung ähnliche Zwecke?

Könnte man so sagen, aber den Förderverein gibt es schon viel länger. Die Treuhandstiftung gibt es erst seit diesem Jahr , einfach weil das Prozedere so lange gedauert hat.

Der Förderverein finanziert sich durch die Mitgliedsbeiträge?

Ja, durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Der Verein hat ein kleines Budget und hat Kunst und Kultur gefördert, indem er z. B. die Anstellung des Kulturmanagers mitfinanziert hat. Ein Ziel des Fördervereins war auch immer, dass die Kirche geöffnet ist.

Der Förderverein hält die Kirche offen?

Ja, er wirkt daran mit.

Sie sagten, der Kulturmanager wurde angestellt - wie wird er jetzt finanziert?

Ja - er ist vom Kreisdiakonischen Werk Stralsund e.V. (KDW) eingestellt. Mit dem KDW kommt der sechste Partner ins Spiel: es ist nämlich der künftige Betreiber [2]

Die übernehmen dann die Personalkosten?

Ja, genau. Bauwerkskosten sind im Grunde Sache der Stiftung, also des Eigentümers und es wird dann voraussichtlich so sein, dass die Jakobikirche dem Betreiber unentgeltlich zur Verfügung gestellt wird. Aber die Kosten, die mit der Betreibung zusammenhängen, die wird der Betreiber tragen.

Das sind also Strom, Wasser...?

Ja, das wird dann umgelegt.

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[1] 2005
[2] aktuell: der jetzige Betreiber
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